STIMMTECHNIK

>>Klassische Stimmtechnik & Stimmführung<<

nach Robert Kreutzer
(Auszug!)

Einleitung:

Die menschliche Stimme ist wohl das natürlichste »Instrument«. Eine gut ausgebildete Sängerstimme ist daher nicht zuletzt durch ihre Beweglichkeit und Vielfalt in ihren Klangfarben beispielgebend für viele andere Fachbereiche: »…lass die Töne schweben wie beim Singen…«, »…phrasiere wie ein Sänger…«, usw.

Unsere Stimme gibt uns die Möglichkeit uns zu artikulieren und – wie kein anderes Instrument – all unsere Gefühle in Wort und Ton auszudrücken.

Einerseits haben wir Sänger den Vorteil nicht viel Geld in ein teures Instrument investieren zu müssen, weil uns das »Stimm-Material« von der Natur gegeben ist, andererseits bedeutet das aber auch, dass wir uns unser Instrument nicht aussuchen können. Unser Stimm-Organ mit seinen charakteristischen klanglichen Eigenschaften und unsere Stimmlage (Frauen: Sopran, Mezzosopran, Alt; Männer: Tenor, Bariton, Bass) sind uns angeboren.

Kein anderes Instrument kann so vielseitig eingesetzt werden wie die Stimme, ob in Sprechberufen wie zum Beispiel als Lehrer oder Schauspieler, ob als Jazz-, Pop-, Rock- und Musical-Sänger, oder eben auf höchster künstlerischer und physisch anspruchsvollster Ebene mit klassischer Ausbildung als Lied-, Oratorien- und Opernsänger auf dem Konzertpodium und auf der Opernbühne.

Die Aufgabe eines Gesangslehrers bzw. Stimmbildners ist es, die Sing- und Sprechstimme so zu führen, dass sie sich zu einem beweglichen, kräftigen, tragfähigen, verständlichen und ausdrucksstarken »Instrument« mit wohlklingendem Timbre entwickeln kann.

Die Basis dafür ist – wie auch bei allen Bläsern – eine natürliche Atemtechnik, denn schließlich bringt erst die an den Stimmbändern/-lippen vorbeistreichende Luft dieselben zum Schwingen.

Das atemtechnische Prinzip ist für jeden Sänger (egal ob klassisch ausgebildet oder in anderen Gesangsstilen) und Sprecher das Gleiche (siehe das Fachbuch »Stütze!!? – Atemtechnik für Bläser, Sänger und Sprecher. Theoretische Analyse und praktische Anwendung« 6. völlig neu bearbeitete und umfangreich erweiterte Auflage, 2010)!

Die Stimmtechnik (Kehlkopf-Stellung etc.) differiert hingegen in den jeweiligen Stilrichtungen bzw. Genres, in denen die Stimme eingesetzt wird, wobei die klassisch ausgebildete Opernstimme dem Sänger die größte Leistung abverlangt.

In diesem Fall muss unser »Instrument« erst richtiggehend »gebaut« und »geöffnet« werden. Entsprechend groß muss dann natürlich der Fleiß und das Engagement sein, um mit konsequenter Arbeit ein hohes Niveau auf professioneller Ebene erreichen zu können, das durchaus der Leistung eines Spitzensportlers entspricht! Es werden nur andere Muskelgruppen trainiert.

Der professionelle Sänger muss geistig wie körperlich bei bester Gesundheit und gut in Form sein, um den hohen Anforderungen im Berufsleben gerecht werden zu können. Gefragt sind abgesehen von musikalischen Qualitäten vor allem einigermaßen gute stimmliche Voraussetzungen, ein gutes relatives Gehör, schauspielerische Veranlagung, eine gewisse Ausstrahlung, und ein gesundes Selbstvertrauen hat wohl auch noch keinem Sänger geschadet!

Kein anderes Instrument ist so lebendig wie unsere Gesangsstimme,
im wahrsten Sinne des Wortes!

>>Grundlagen der klassischen Stimmtechnik<<

Folgende Punkte sind in der klassischen Stimmtechnik Grundvoraussetzung, um eine Entwicklung bis hin zu einer perfekten Opernstimme zu ermöglichen:

1. Kehlkopf-Tiefstellung (»Gähn-Stellung«)

Der wohl größte Unterschied zwischen einem »Popular«-Sänger und einem Opernsänger liegt stimmtechnisch gesehen in der Position des Kehlkopfes.
Während bei einem nicht ausgebildeten Sänger der Kehlkopf beim Singen sehr hoch steht, muss in der klassischen Stimmausbildung darauf geachtet werden, dass der Kehlkopf tiefgestellt wird.
Der Vergleich des »Gähnens« ist zulässig, weil sich dabei der Kehlkopf locker senkt. Ein Gähn-Reflex bewirkt immer ein Öffnen bzw. Freimachen der Atemwege und des Rachenraumes, meist wenn man müde ist und frische Luft benötigt.
Der klassisch ausgebildete Sänger nutzt diese offenste Position unseres Stimm-Organs (die Stimmbänder/-lippen sind ja im Kehlkopf eingelagert), wobei man natürlich nicht wirklich gähnt, sondern eben nur diese offene Stellung – Kehlkopf gesenkt, Gaumensegel hochgestellt, Zunge je nach Vokal möglichst flach, Unterkiefer locker geöffnet – nutzt. Man »imitiert« sozusagen die Gähn-Stellung.

Freilich muss diese Technik oft über Jahre hindurch geübt und trainiert werden, um sie in Perfektion beim Singen einsetzen zu können. Am Beginn der Stimmausbildung ist es nur sehr schwer möglich, den Kehlkopf – vor allem im hohen Register – tief zu stellen.

Warum, ist leicht erklärt

Die Senkmuskulatur des Kehlkopfes ist ganz einfach zu schwach. Der Kehlkopf ist – vereinfacht ausgedrückt – in Hebe- und Senkmuskulatur eingehängt. Aus dem täglichen Gebrauch ergibt sich ein gewisses Kräfteverhältnis dieser Muskelgruppen. Beim Gähnen wird die Senkmuskulatur aktiviert, der Kehlkopf wird locker tiefgestellt. Beim Schlucken wiederum kommt die Hebemuskulatur zum Einsatz, der Kehlkopf steigt.
Nachdem man im täglichen Leben bei weitem öfter schluckt (weil man immer Speichel im Mund hat) als gähnt, ist die Hebemuskulatur normalerweise viel stärker als die Senkmuskulatur. Aus diesem Grund steigt der Kehlkopf beim nicht ausgebildeten Sänger in der hohen Lage immer weiter nach oben.
Um die Kehlkopf-Tiefstellung beim Singen konsequent und vor allem locker genug einsetzen zu können, muss also die Senkmuskulatur durch Stimmübungen oder »Trockentraining« solange gestärkt werden, bis das Kräfteverhältnis dieser beiden Muskelgruppen ausgewogen ist. Im Idealfall soll der Kehlkopf – egal, ob man hoch oder tief, laut oder leise singt – immer in dieser Tief- oder »Gähn«-Stellung bleiben!
WICHTIG: Keinesfalls darf der Kehlkopf mit Kraft oder durch ein Senken des Kopfes nach unten gedrückt werden. Auch wenn bereits Gähnstellung eingenommen ist, könnte man den Kehlkopf noch etwa 2–3 Millimeter nach unten drücken, was aber einem Verkrampfen gleichkommen würde. Das bekannte »Knödeln« wäre die Folge.

2. Stimmführung & Stimmsitz

Um zu einem sicheren Stimmsitz zu gelangen, muss die Stimme »schlank nach vorne« geführt werden. Man spricht vom Stimmsitz »in der Maske«. Gefordert ist dabei allerdings immer ein gutes Mittelmaß, also keine extreme Position (nicht zu breit/nicht zu schlank).
Ist die Stimmführung zu breit, werden etwa die Mundwinkel/Wangen zu weit nach hinten/oben gezogen, so rutscht auch der Stimmsitz nach hinten. Man verliert damit den Widerstand, gegen den man aussingen soll. Auf diese Weise ist es kaum möglich, den Kehlkopf-Tiefstand zu bewahren. In der Folge wird der Stimmklang flach, der Stimmsitz wackelig. Ein sauberer Registerausgleich ist ebenso nicht mehr möglich, weil bei zu breiter Stimmführung die einzelnen Register in der Regel zu weit und leider meist auch forciert in die Höhe gezogen werden.
Bei zu schlanker Stimmführung wiederum wird die Klangfarbe der Stimme zu dunkel, oft auch etwas hohl. Man verliert dabei Obertöne und Tragfähigkeit, die Stimme wird künstlich abgedunkelt, was im Fachjargon – im negativen Sinn – oft auch als »Decken« bezeichnet wird.

3. Lippenstellung

Die Lippenstellung ist in Bezug auf die Stimmführung von entscheidender Bedeutung. Man stelle sich als Vergleich den Schalltrichter einer Trompete vor, der nach außen gebogen ist, damit sich die Schallwellen ausbreiten können. Beim Sänger ist dieser »Schallbecher« bereits die Mundhöhle. Es müssen in diesem Fall also die Lippen nach außen gerichtet werden, um ein ungehindertes Ausbreiten der Schallwellen zu ermöglichen.
Bei perfekter Stimmführung sind die Lippen generell nach außen/vorne gedreht (egal bei welchem Vokal). Sie müssen soweit ausgedreht sein, dass die Schneidezähne sichtbar sind. Für eine optimale Klangqualität sollte sogar der Ringmuskel immer leicht angespannt sein, wobei die Konturen der Lippen besser sichtbar werden. Erst damit ist der »Stimm-Kanal« bzw. das »Ansatzrohr« optimal geöffnet und geformt.

4. Resonanzräume

Um eine ausgewogene Klangqualität zu erreichen, müssen Kopf- & Brustresonanz immer in gleichem Maße genutzt werden.

Kopfresonanz = Glanz, Helligkeit, Metall, Obertöne, Tragfähigkeit.
Brustresonanz = weiche Klangqualität, Körperklang, Volumen.

Ein perfektes Mischen beider Resonanzräume kann nur bei Kehlkopf-Tiefstellung und schlanker Stimmführung gelingen.

stimmsitz

5. Registerausgleich

Ausbildungsziel der klassischen Stimmtechnik ist das sogenannte »Ein-Register«, d.h. die Registerbrüche müssen ausgeglichen werden, um mit voller Stimme ohne markanten Bruch und ohne markanten klanglichen Unterschied über das gesamte Register singen zu können.

Ein effektiver Ausgleich der Registerübergänge kann wiederum nur bei Kehlkopf-Tiefstellung und schlanker Stimmführung erreicht werden.

6. Natürliches Vibrato

Ein gleichmäßig und ruhig schwingendes Vibrato bei ausgehaltenen Tönen ist eine Grundvoraussetzung, damit sich eine Stimme »gesund« entwickeln kann. Es ist letztendlich ein Beweglichkeits-Prinzip, welches erst ein freies Schwingen und eine weiche Klangqualität ermöglicht!
Ein natürliches Vibrato ist gewissermaßen ein gutes Mittel(maß) zwischen einem linearen Ton und einem Tremolo. Möglich ist dieses »Schwingen lassen« und »Freigeben« der Stimme allerdings nur bei perfekter Atemführung. Es muss genügend Luft an den Stimmbändern/-lippen vorbeistreichen, der entsprechende Luftdruck für den jeweiligen Ton muss aufgebaut sein, die Atemführung darf nicht zu passiv sein.
Keinesfalls darf übermäßiger Druck auf die Stimmbänder/-lippen wirken. Lineare und tremolierende Töne sind immer ein Hinweis darauf, dass die Atemführung schlecht bzw. zu kraftbetont ist. Einerseits wird jeder Ton eingeklemmt und damit ein freies Schwingen unterbunden, andererseits wird ein bereits vorhandenes Vibrato durch übermäßigen Druck komprimiert, womit die Stimme zu flackern beginnt. Auch ein übermäßiges Vibrato, bei dem oft die Tonhöhe nicht mehr genau vernommen werden kann, resultiert aus einer verkrampften Atemtechnik.

Es muss generell eine weiche Klangqualität erreicht werden! Nur eine gesunde, frei schwingende Stimme hat ein weiches und damit wohlklingendes Timbre.
Kein Ton darf scharf oder forciert klingen, weil dies immer ein Zeichen für ein Verkrampfen ist.

Die menschliche Stimme in all ihren Möglichkeiten und die Problemstellungen der Stimmtechnik lückenlos zu beschreiben ist nahezu unmöglich. Die vorangestellten Ausführungen sollen und können daher nur eine Anregung und eine Beschreibung der elementarsten Grundlagen sein.

Prinzipiell ist im Stimmunterricht jede Stimme nach den klassischen Regeln zu führen, denn nur mit klassischer Stimmtechnik kann das maximale Leistungspotential der Stimme erreicht und genutzt werden.
Je ausgereifter die Technik ist, desto beweglicher, kräftiger und offener wird die Stimme sein, und desto weniger besteht die Gefahr, dass die Stimme Schaden leidet.

Andererseits kann bei Bedarf jederzeit flach, also mit hochgestelltem Kehlkopf gesungen werden, wie es – als Gegenbeispiel – beim Jodeln erforderlich ist. Hier werden die Registerbrüche sogar als Stilmittel verwendet.
Eine gute Atemtechnik ist allerdings auch in diesem Bereich Voraussetzung, um die Stimme gesund zu erhalten!

© Copyright by ROBERT KREUTZER 2006

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